Es war einmal ein junger Mann. Er hatte ein freundliches Lächeln und ein starkes Motorrad. Mit dem Motorrad fuhr
er jeden Morgen von A nach B und am Abend wieder von B nach A zurück. Eines Tages – es war Sommer und die
Vögel tirilierten – sagte der junge Mann zu seiner eigenen Überraschung: »Vom Wasser haben wir’s gelernt.« Er begriff
sogleich, was das sehnsüchtige Ziehen in seiner Brust bedeutete. »A und B und B und A!«, rief er aus. »Ich sollte,
über B hinaus, bis Z fahren und das ganze ABC sehen. Ich bin jung. In zehn Jahren bin ich zehn Jahre älter.« Der junge
Mann war kein Zögerer. Er zählte sein Geld, packte frische Socken, Zwieback, Seife, Bleistift und Notizbuch in den Koffer
und sagte den Lieben adieu. Er fuhr von A nach Z; er fuhr zum ersten Mal über B hinaus, sah C und D. In E erlebte
er ernst Erhebendes, in F fand er fatale Freundlichkeiten. In G geschah gründlich Geheimnisvolles und so weiter und
so weiter. In Q quälten ihn quadratische Quallen, in S sah er seltsam Sonderbares und in X x-beliebige X-Achsen. Das
ABC seiner Reise führte ihn in viele Länder und ebenso viele Städte, er sah Zollstationen und seltsame Tiere und
Menschen. Er sah Prinzessinnen und Bettler. Ihn ängstigten nicht Regen und Wind, nicht Wegelagerer und Benzinpreise.
Er fürchtete weder fremde Sprachen noch Drachen, Hexen und Radarfallen. Nur vor einem hatte der junge Mann Angst:
Was, wenn er alles vergaß? Den Regen und die Lakaien und die Kammerzofen und die Heerlager und die Mücken!
War dann die Reise umsonst? Der junge Mann kramte bei jedem Halt Notizbuch und Bleistift hervor und malte in das Buch,
was er sah und schrieb darunter, was er gehört und gedacht hatte. So fuhr er einen Sommer von A nach
Z durch die Welt. Und er durchquerte ein ganzes Alphabet. Zuhause – es war inzwischen Herbst geworden – stieg der
junge Mann mit steifen Gliedern vom Motorrad. Er war einen Sommer älter und hatte Rückenschmerzen. Er erzählte
den Daheimgebliebenen von seinen Abenteuern: von den riesigen Mücken, den reizenden Prinzessinnen und den
geheimnisvollen Sprachen. Die Daheimgebliebenen lachten und glaubten ihm kein Wort. Er zeigte zum Beweis das Notizbuch.
Die Daheimgebliebenen schüttelten die Köpfe und sagten: »Nicht entzifferbar!« Jetzt lächelte der junge Mann
nicht mehr, denn er sah, daß die Daheimgebliebenen nicht lesen konnten, was da geschrieben stand. Die Notizen waren
Reisenotizen und die Zeichnungen Reisezeichnungen, und so etwas können nur Spezialisten und Reisende entziffern.
Der junge Mann setzte sich also hin und schrieb, kopierte und transkribierte die Notizen und Zeichnungen mit schmerzendem
Rücken. Er ordnete, datierte und versah, wo nötig, das Notierte mit Anmerkungen. Es wurde eine Riesenarbeit;
sie dauerte zwar einen Winter, aber sie hat sich für alle gelohnt. Der junge Mann durfte das ABC seiner Reise zum
zweitenmal durchqueren. Und die Daheimgebliebenen konnten jetzt in seinem Tagebuch spazierengehen und spürten
ein sehnsüchtiges Ziehen in der Brust. Nun lächelte der junge Mann wieder.

Franz Zauleck